KOPF-HALS-TUMORE

Tumorkontrolle und Lebensqualität bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren nach Regionaler intraarterieller Infusions-Chemotherapie

Etwa fünf Prozent aller malignen Neuerkrankungen betreffen den Kopf-Hals-Bereich. Unterschieden wird dabei zwischen Lippen-, Zungen-, Mundboden-, Nasopharynx-, Pharynx- und Kehlkopfkarzinomen. Die Mehrzahl dieser Tumore (ca. 90 Prozent) sind Plattenepithelkarzinome, die von der Schleimhautschicht ausgehen, schnell metastasieren und umliegendes Gewebe infiltrieren. Pro Jahr erkranken etwa 26.000 Menschen in Deutschland an solchen bösartigen Tumoren des Kopf-Hals-Bereichs (ca. 20.000 Männer und rund 6.000 Frauen). Die Zahl der Erkrankungen hat in den vergangenen zehn Jahren um rund 25 Prozent zugenommen. Kopf-Hals-Tumore zählen damit mittlerweile zu den sechsthäufigsten Tumorarten weltweit und stellen die siebthäufigste Tumorerkrankung bei Männern in Deutschland dar.

Oft werden diese Tumore erst in späteren Stadien diagnostiziert und sind dann mit nur geringen Überlebenswahrscheinlichkeiten verbunden. Als Standardtherapie gilt derzeit die operative Entfernung des Tumors mit anschließender Bestrahlung und systemischer Chemotherapie.

 

Allerdings zeigt die Standardtherapie durch die oft starken Nebenwirkungen klare Grenzen bei Bestrahlung und Chemotherapie. Zu den wesentlichen Nebenwirkungen der Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich zählen Sprach- und Hörverlust, gestörter Schluckakt mit Aspiration aufgrund von Nervenschäden, schmerzhafte Schleimhautentzündungen und Mundtrockenheit mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität. Dies führt zu Selbstmordraten, die deutlich höher liegen als bei allen anderen Krebsformen.

 

Zudem entwickeln etwa 30 Prozent der Patienten auch unter der Erstlinientherapie Lokalrezidive oder Fernmetastasen (z. B. durch die Entwicklung von Resistenzen gegen Krebsmedikamente) und befinden sich damit in einer Palliativsituation. Die Wahrscheinlichkeit 5 Jahre zu Überleben sinkt in dieser Situation auf nur noch 10 bis 30 Prozent.

 

In einer Beobachtungsstudie am Medias-Klinikum Burghausen wurde nun untersucht, wie sich die Anwendung der Regionalen intra-arteriellen Infusions-Chemotherapie auf die Überlebenszeit und die Lebensqualität von Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren der Stadien I bis IVB/C auswirkt, welche Ansprechraten mit dieser Therapieform erreicht werden können und welchen Einfluss eine vorangegangene Bestrahlung auf den Behandlungsverlauf hat.


Studie


Analysiert wurde der Verlauf von 97 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren nach Behandlung mit der Regionalen intra-arteriellen Infusions-Chemotherapie. Von diesen Patienten waren 62 nicht vorbestrahlt, 35 Patienten hatten bereits eine Bestrahlung erhalten.

 

Endpunkte der Studie waren die Ansprechraten der Tumore auf die Regionale Chemotherapie nach den RECIST-Kriterien (Kriterien für die Bewertung des Ansprechens der Behandlung bei soliden Tumoren), die Überlebenszeit sowie Nebenwirkungen der Therapie und Lebensqualität.

 

Ergebnisse

Patienten mit vorheriger Radiotherapie zeigen signifikant geringere Überlebensraten (pvalue < 0,01) als Patienten ohne vorherige Radiotherapie (pvalue < 0.005). Nach dem Median des Beobachtungszeitraums von 39 Monaten haben drei Patienten aus der Gruppe von 35 vorbestrahlten Patienten überlebt. Bei der Gruppe der nicht vorbehandelten waren dies 29 von 62 Patienten (jeweils über alle Tumorstadien hinweg). Die Ansprechrate lag bei > 90 %. -> Rücksprache Konny Für nicht vorbehandelte Patienten mit Tumoren der Stadien I bis III lag die Überlebensrate nach 44,5 Monaten bei 75 Prozent.

 

Geringe Nebenwirkungen

Es traten keine Fälle von Schluckstörungen, Mundtrockenheit, Sprach- oder Hörverlust auf. Bei keinem der 97 Patienten musste ein Luftröhrenschnitt oder eine Sondenernährung durchgeführt werden und die Schluckfunktion blieb in allen Fällen unbeeinträchtigt. Patienten ohne Vorbehandlung zeigten eine akzeptable Knochenmarkssuppression des Grades 2 (WHO), wogegen Patienten mit Vorbehandlung (Chemoradiotherapie) eine Knochenmarkssuppression von Grad 3-4 (WHO) aufwiesen.

 

Schmerztherapie
Bei 25 Prozent der vorher unbehandelten Patienten in den Tumorstadien IVB/C konnte die Schmerzmittelgabe um mehr als 50 Prozent reduziert werden. Bei den vorbehandelten Patienten war es bei 14 Prozent der Fall.

 

Schlussfolgerung
Die Regionale intra-arterielle Infusions-Chemotherapie stellt eine effektive therapeutische Option für Patienten mit bösartigen Kopf-Hals-Tumoren dar, auch bei Tumoren mit großer Ausdehnung und Tumormasse. Das Verfahren erzeugt gute Ansprechraten bei gleichzeitig geringen Nebenwirkungen. Voraussetzung ist jedoch eine ausreichend gute Durchblutung des Tumors. Da eine vorangegangene systemische Chemotherapie mit Bestrahlung diese Durchblutung negativ beeinflusst, sinken die Ansprechraten der Tumore bei vorbehandelten Patienten.



Fallbeispiel


Patientendaten

Geschlecht: Männlich, Alter: 60

 

Diagnose

Fortgeschrittenes Karzinom (Plattenepithelkarzinom) der rechten Mandel (Tonsille) mit beiderseitigen Metastasen in den Lymphknoten des Halses.

Histologie: Plattenepithelkarzinom, G2


Weltweit erkranken jährlich ca. 400.000 Menschen an Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich. Diese Tumore machen rund fünf Prozent aller Krebserkrankungen aus. Eine der Hauptursachen des Anstiegs ist dem humanen Papillomvirus (HPV), zuzuschreiben, der auch den Krebs des Gebärmutterhalses verursacht. Normalerweise werden diese Kopf-Hals-Tumore in Kombination mit oder ohne systemische Chemotherapie strahlentherapeutisch behandelt. Eine schwere Belastung für diese Patienten sind die akut oder später auftretenden Nebenwirkungen nach der Radio-Chemotherapie, die meist die Anlage einer Ernährungssonde (PEG) und/oder eines Luftröhrenschnittes notwendig machen und somit eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität bedeuten. Um diese Nebenwirkungen zu reduzieren, werden bei operablen Tumoren daher heute meist eine Strahlen- und Chemotherapie geringerer Intensität sowie die minimalinvasive Entfernung des Tumors eingesetzt. Da viele dieser Tumore jedoch meist erst sehr spät erkannt werden, haben viele Patienten jedoch eine schlechte Überlebensprognose von häufig nur wenigen Monaten.

 

Therapie und Verlauf

Bei dem damals 60-jährigen Patienten wurde im Oktober 2010 ein Karzinom der rechten Mandel diagnostiziert, das bereits Metastasen in den Lymphknoten am Hals gebildet hatte. Die computertomografischen Aufnahmen zeigten beidseits im Hals große Raumforderungen sowie deutliche Veränderung am tumorinfiltrierten und starrfixierten weichen Gaumen.

 

Dem Patienten wurde von verschiedenen Zentren zu einer operativen Entfernung des Tumors, aller Lymphknoten einschließlich der umgebenden Weichteile beidseits am Hals (Neck dissection) sowie einem Luftröhrenschnitt und anschließender Bestrahlung geraten. Mit diesem Eingriff wäre allerdings auch eine Ernährungssonde notwendig geworden und eine weitere Ausübung seines Berufs als international bekannter Saxophonist nicht mehr möglich.

 

Bei der ersten stationären Aufnahme im Dezember 2010 im Medias Klinikum Burghausen berichtet der Patient über Halsschmerzen sowie eine heisere Stimme. Der Patient erhielt den ersten Zyklus einer regionalen Chemotherapie mit Gabe verschiedener Chemotherapeutika über Katheter in beiden Halsschlagadern und anschließender Filtration der Medikamente aus dem Blut.

 

Ein Kontroll-CT nach diesem ersten Zyklus regionaler Chemotherapie im Januar 2011 zeigte im Vergleich zur Voruntersuchung eine deutliche Verkleinerung der pathologisch vergrößerten Lymphknoten von vormals ca. 50 x 35 x 20 mm auf 30 x 15 x 20 mm. Ebenso zeigte sich eine rückläufige Schwellung im Bereich des Rachens.

Bei einem zweiten stationären Aufenthalt wurden dem Patienten arterielle Portkatheter in beide Halsschlagadern implantiert und es erfolgten drei weitere Zyklen der regionalen Chemotherapie mit anschließender Filtration der Chemotherapeutika. Bei seiner Aufnahme zur dritten Therapie waren die vormals erheblich vergrößerten Lymphknoten nicht mehr tastbar und der Patient berichtete jetzt über problemloses Spielen auf dem Saxophon, was vor der Chemotherapie aufgrund der Tumorinfiltration des weichen Gaumens nicht mehr möglich war. Unter der regionalen Chemotherapie hat der Patient nicht nur eine Verbesserung seiner Lebensqualität erfahren, sondern konnte auch seinem Beruf als Saxophonist wieder nachgehen. Weder benötigte er einen Luftröhrenschnitt (Tracheostomie), noch eine Ernährungssonde (PEG). Der Patient ist mittlerweile seit mehr als 9 Jahren frei von erneutem Tumorwachstum und auch Metastasen konnten bislang nicht festgestellt werden.

 

Sämtliche seitdem durchgeführte Kontroll-Untersuchungen blieben ohne Tumornachweis und auch in den Gewebeuntersuchungen durch Biopsie konnten keine Krebszellen mehr nachgewiesen werden.

 

Zusammenfassung

Durch die Regionale Chemotherapie konnte ein kompletter Rückgang des Tumors und seiner Metastasen in den Lymphknoten des Halsbereichs erzielt werden. Der Patient benötigte keinen operativen Eingriff und seine Lebensqualität konnte vollständig wiederhergestellt und erhalten werden. Bis heute kann er seinem Beruf als Musiker und Dozent nachgehen.